FB02 Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften · 3 CP (aus SWS geschätzt) · Angeboten in WiSe 2026/27, SoSe 2026, WiSe 2025/26
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Vergessen gehört zu den alltäglichsten und zugleich rätselhaftesten Vorgängen unseres geistigen Lebens. Wir vergessen Namen, Gesichter, gute Vorsätze, Erlebnisse, Gelerntes und Erlittenes; wir bemühen uns, Vergessenes wiederzugewinnen, und wünschen uns bisweilen umgekehrt, etwas, das uns auf quälende Weise beschäftigt, doch endlich vergessen zu können. Vergessen kann als Mangel, Versagen und Verlust erscheinen, aber auch als Entlastung, Schutz und Voraussetzung dafür, handlungsfähig zu bleiben und Neues in Angriff zu nehmen. Entsprechend stellt sich die Frage nach seinem „Nutzen und Nachteil“ nicht nur für das individuelle Leben, sondern ebenso für soziale und politische Gemeinschaften, für Erkenntnis und Wissenschaft, Recht, Moral und Kunst. Die dreitägige Blockveranstaltung widmet sich grundlegenden Fragen dieses ebenso ubiquitären wie schwer zu fassenden Phänomens aus philosophischen, psychologischen und literarischen Perspektiven. Was heißt es überhaupt, etwas zu vergessen? Ist Vergessen lediglich der Verlust oder die Unzugänglichkeit zuvor vorhandenen Wissens, oder besitzt es eigene positive Funktionen? In welchem Verhältnis stehen Erinnern und Vergessen zur Ausbildung personaler Identität? Was bedeutet es für Individuen und Gesellschaften, Vergangenes zu bewahren – und was, es hinter sich zu lassen? Wem gegenüber können Pflichten des Erinnerns bestehen, und gibt es neben solchen Pflichten auch ein aktives oder passives Recht auf Vergessen? Wann kann jemand für sein Vergessen epistemisch und moralisch, ja rechtlich verantwortlich gemacht werden? Und welche Bedeutung gewinnt das Vergessen dort, wo Literatur und Kunst individuelle oder kollektive Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gestalten? Das Seminar ist als intensive gemeinsame Textarbeit angelegt, deren Gegenstände von Nietzsches zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung über Freuds Psychopathologie des Alltagslebens bis zu neueren Arbeiten aus den Geschichts- und Neurowissenschaften, der Erkenntnistheorie und Moralphilosophie reichen. Ergänzt werden die expositorischen Beiträge durch dichterische Erkundungen des Themas Vergessen – von Hölderlin bis Günter Eich. Erwartet werden die gründliche vorbereitende Lektüre der sechs Wochen vor Veranstaltungsbeginn in einem Reader zur Verfügung stehenden Texte sowie die Bereitschaft, deren Argumente, Begriffsbildungen und formsprachliche Gestaltungen gesprächsweise genau zu untersuchen. Vorkenntnisse zu einzelnen Autoren sind hilfreich, aber nicht Voraussetzung.
Kein Prüfungstermin veröffentlicht.
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